Über Elysium


Elysium – die Insel der Seligen, die Insel, wo die Helden, die von den Göttern geliebt wurden, ihre Unsterblichkeit feiern – Paradies für Gedankenfreiheit und Inspiration.

Das Elysium Kollektiv ist eine Vereinigung junger Schriftsteller aus verschiedensten Richtungen der Literatur. Für die Mehrheit aller Autoren bleibt eine wirkliche Publikation nur ein Traum. Vielleicht weil die Hürden zu gross sind, vielleicht weil ihnen der Mut fehlt, vielleicht weil damit viel Aufwand jenseits des Schreibens verbunden ist. Welche Gründe auch immer dahinter stecken – fest steht, dass die Vielfalt an talentierten Autoren nie grösser war als jetzt. Es ist eine Vielfalt, die kaum zwischen Buchdeckel passt, ohne damit viel auslassen zu müssen.
Das Elysium Kollektiv hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, so vielen Talenten wie möglich eine Chance zu geben, gehört zu werden.

Zudem fungiert Elysium auch als Think Tank zur jungen Literatur. Wie schreibt man? Was schreibt man? Warum schreibt man? Unsere Autoren legen ihre Gedanken offen.

Gegründet wurde das Elysium Kollektiv von Stefan Rohner und Robin Schwarz.

Ich will mitmachen!
Du denkst, das Elysium Kollektiv könnte der perfekte Platz sein, um deine Texte zu veröffentlichen? Na, dann nichts wie los. Schreibe uns an elysiumkollektiv(at)gmail.com – am besten mit einem Text von dir. Wir werden ihn lesen und dir dann Bescheid geben, ob wir dein Gedicht, deine Kurzgeschichte, dein Drama, dein Wasauchimmer veröffentlichen. Wenn du ein Feedback willst – frag einfach! Wenn du nur einmal einen Text veröffentlichen willst, kannst du Gastautor werden  – wenn du aber hin und wieder einen Text schickst, bist du dabei.

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Sonnenwind

 

Photonenkanonen
vor Sonnentoren
Gegen den Himmel gerichtet
Leben zu spenden
Dunkel zu brechen

 

Lichtgestalten taumeln in Stürme
Und erschüttern Gedankentürme
Glücksuchend

 

Tragt sie in die Welt.

 

 

Illusion

In Betten aus Stein.

An Tischen aus Knochen.

Auf Stühlen aus Dung.

 

Worte aus Leere.

Hände aus Luft.

Arme aus Ketten.

 

Gesang mit Kinderstimmen

und Choral aus Sopran.

 

Wir leben im Tageslicht

und sind doch blind.

schwebend

Wenn die Nacht still steht

geht dein Lachen um die Welt.

 

Wenn der Wind still bleibt

singen deine Augen

Oden an die Freude.

 

Wenn dein Blick

den meinen streift

greift mein Herz nach Luft.

 

Und wenn dein Blick

bei meinem bleibt

schweigt die Zeit

und ist für immer hier.

Still-Leben

Es ist das Schweigen in den Bergen

und das Rauschen zwischen Lilien,

das mich in die Ferne zieht.

 

Es ist die See im Morgengrauen

und die Sonne bei Nebel,

die mich in Träume wiegt.

 

Doch es ist die Glut des Feuers

und die Wärme deiner Haut,

die mir Liebe gibt.

Warum ich manchmal nicht schreibe

Manchmal schreibe ich nicht. Vielleicht ist es das Wetter oder aber die studentische Geldnot. Andererseits habe ich von dieser hübschen Brünette auch länger keine Nachricht mehr gekriegt. Die Gründe nicht zu schreiben, sind genauso gut oder genauso schlecht, wie jene um zu schreiben. Ich persönlich schreibe manchmal nicht, weil ich keine Ideen habe. Oder weil ich keine Zeit habe. Oder weil ich keine Lust habe. Oder weil ich betrunken bin.

Das seltsame ist, dass wenn ich eine gewisse Zeit nicht geschrieben habe, dann finde ich mich dieser ganz doofen Situation wieder, in der ich vor einem Blatt Papier sitze und mir fürchterlich lange überlege, was ich jetzt schreiben könnte. Um dieser unangenehmen Szenerie dann zu entfliehen gehen ich in den Garten und rauche eine Zigarette in der Hoffnung die Erleuchtung in den dunstigen Wolken zu finden, wie Wahrsager aus alten Zeiten. Aber die Literatur muss nichts wahrsagen, auch nicht wahr-schreiben. Der Autor nimmt es wahr, nimmt es auf, gibt es ab und stirbt mit dem letzten Schlusspunkt.

Aber zurück zum Nicht-Schreiben. Nicht-Schreiben ist gänzlich etwas anderes wie schreiben, jedenfalls so wie ich es sehe. Obwohl es das Gegenteil vom Schreiben an und für sich ist, funktioniert es nach völlig anderen Maßstäben und ich denke es beinhaltet auch andere Dynamiken. Beim Schreiben, da ist man bei der Sache selbst, Wort für Wort. Beim Nicht-Schreiben ist es vielleicht der Versuch, dem Wort-für-Wort-Spiel zu entkommen. Ein Abbau von Sprache – das Ausradieren eines Bleistift-Aufsatzes beginnend mit dem letzten Punkt. Aber ich schweife ab, denn ich wollte ja eigentlich darüber schreiben, wie ich manchmal nicht schreibe. Nicht-Schreiben ist mehr wie die Absenz vom Schreiben, mehr wie die pure Vernachlässigung produktiver Arbeit im Rahmen eines Textes. Wenn ich abends müde von der Uni nach Hause komme, dann habe ich möglicherweise eine zündende Idee und möchte mich sofort und ohne Verzögerung vor meinen Schreibtisch setzen und anfangen. Aber manchmal fehlt der mir der Kopf bei der Sache. Als ob mein Gehirn nicht mehr dazu in der Lage wäre, in diesen für mich mystischen Zustand des automatischen Schreibens zu kommen und dabei immer noch Kohärenz, Stil und Spannung in den Text hineinzubringen. Oder dies sei alles noch möglich, wobei die Krux an der Sache ist, dass ich meine Arme nicht richtig unter Kontrolle habe, weil ich vom Krafttraining noch ausgelaugt bin. Leere im Körper und Leere im Kopf, sind wohl, nebst der fehlenden Inspiration, meistens daran „schuld“, dass ich manchmal nicht schreibe.

Bis auf weiteres

Bereits vor meiner Geburt

habe ich die Stille gekannt.

In meinem ersten Atemzug

hat sie mich leise empfangen.

 

Ich habe die Stille gekannt

und mit ihr nächtlich gesprochen.

Sie antwortete nie, als sei

Ich noch nicht zerstört.

 

Sie gab mir wortlos ihr Versprechen,

da zu sein in meiner letzten Stunde,

mich zu halten im letzten Atemzug.

 

Also zog ich still von dannen

in der Hoffnung neu anzufangen,

wenn ich beim nächsten Mal empfangen.

 

Wachgelebt

Es konnten keine fünf Minuten vergangen sein, seit Lukas sich ins Bett gelegt hatte. Das Bett, ein improvisiertes Gestell aus Karton, Brettern und einer muffigen Matratze. Wuselnde Insekten flohen noch vor kurzer Zeit vor nackten Füssen, die auf dutzende ohnehin schon zerknüllte, zerschriebene, zerwortete Papierbögen traten. Füsse mit Hornhaut, gelblich und auf dem alten, knarrenden Holzboden hin und wieder mit Abrieb; vermischt mit Staub und Lichtstrahlen oder Schattenfiguren. Im Ecken ein leerer Papierkorb. Daneben noch mehr Papier, aber teureres. Druckerpapier. Keine karierten Blöcke oder derart Armes.

Ein Bein lugte aus der gräulichen Bettdecke hervor und der Schein aus dem Dachfenster traf schicksalsverheissend auf eben diese Stelle und es fehlte nur noch ein Zettelchen am grossen Zeh. Ein vom nikotinhaltigen Rauch gelblich gefärbtes Tischchen neben Fuss und Bett. Zugestellt mit Dosen, schmutzigen Gläsern; Bakterienherden. Lukas lebte schon lange nicht mehr im Hier. Und auch nicht im Jetzt. Aber auch nicht mehr in der Vergangenheit. Das Bild von Virginie war verstaubt und nicht einmal ihre glänzend weissen Zähne waren mehr zu sehen. Virginie war einmal, und so tat es Lukas ihr gleich. Er ist zwar noch, aber eigentlich war er mehr. Lukas träumte. Träumte von einem grossen Vogel, es mochte wohl ein Ara sein, vielleicht auch ein gigantischer Kolibri oder doch nur die Cartoongestalt einer bekannten Kleiderkette. Wer weiss schon. Spielte auch gar keine Rolle. Viel wichtiger war die Kamera, die er in den Klauen und irgendwo zwischen den Federn hielt und die Partygäste fotografierte. Zwei Mädchen, wohl etwa siebzehn Jahre alt verzogen sich küssend ins Bad und schlossen die Tür hinter sich, ein bärtiger Kerl stand am Fenster und rauchte, auf dem Sofa sass Virginie starr, teilnahmslos und im Eck sass Lukas und stand vor sich selbst. Der Vogel schwenkte seine Kamera wie ein Gefäss voller Weihrauch und piepste etwas. Introibo ad altare dei. Er kletterte auf ein Podest und fotografierte die Menge, die in Lukas’ Wohnzimmer versammelt waren. Girlanden und Engelshaar schwebten im Raum und verursachten Schwingungen; einen tiefen Basston. Stille Nacht. Der Vogel stimmte mit einem höheren Ton ein und ein wunderbarer Zweiklang erfüllte den Raum mit Heiligkeit. Jetzt stand Lukas vor dem Vogel und fand überhaupt nichts an dieser Situation komisch. Und genau diese Tatsache rief ihn auf den Plan. Was tat er eigentlich hier, fragte er sich und sein eigenes Gegenüber, das im Eck stand. Wir vergessen Virginie, sagte Lukas im Eck. Und Virginie verblich.

Der Vogel schwenkte noch immer seine Kamera, nun aber fester; und die Blitze wirkten drohend und mit jedem Schwenken klang das Surren, das Zerschneiden der Luft lauter. Lukas besann sich auf seine Klarheit und zählte seine Finger, blickte hin und her so schnell er konnte, doch der Vogel wuchs und aus der Kamera stemmten sich Stacheln heraus und das Blitzlicht blinkte laut. Um den Vogel herum wurde es Dunkel, nur die Konturen hell und es tönte abermals introibo ad altare dei.
Ich bin mir nur selbst Rechenschaft schuldig, sagte Lukas ruhig. Du bist Teil von mir, verschwinde. Lukas Worte klangen dünn und fahrig. Fiebrig zählte Lukas seine Finger, die Bücher an der Wand, die Deckenplatten und versuchte, von den Uhren die Zeit abzulesen und scheiterte. Und gerade dann, als Lukas losliess, die Spannung von ihm abfiel, fiel auch das Wohnzimmer in sich zusammen und baute sich neu auf, wie Legosteine. Es war sein Wohnzimmer. Wie immer. Lukas atmete und öffnete die Augen. Ein muffiges Bett, eine zerschlissene Decke. Dosen, Gläser. Das Foto von Virginie war weg.

Lukas hielt den Atem an und vergass seine Finger zu zählen. Aufstehen, Kaffee. Das erste Mal die Fenster aufmachen, auf den Balkon. Sonnenstrahlen. Tod.

Badass. (Teil I)

Und da wandte sie sich ihrer Rolle ab. Elegant kehrte Rosa auf dem Absatz, wobei der Griff ihres Rollköfferchens gewissermaßen als tragender Tanzpartner diente („I wear heels, bigger than your dick.“). Tanzen! Wie viel zähflüssige Zeit doch nur in sterilen Konferenzsälen zerflossen ist. Statisch, stockend- simultan. „Ma p’tite Jongleuse“, hatte Igor sie manchmal genannt, wenn sie erschöpft vom Übersetzungskampf in der Hotellobby saßen und nicht so recht wussten, in welcher Sprache ihre Zuneigung nun spricht. In der Regel gingen sie dann gleich aufs Hotelzimmer. Nur einmal, als sie bereit für den Augenblick, wo das Wechselspiel der Sprachen in einer schillernder Einheit verschmelzen würde, nackt vor ihm stand. Damals wollte er tanzen. Ihre Körper bewegten sich synchron in einer konstruierten Verflechtung- ein Spiegelbild scheinbar. An Rogers Seite hingegen glich ihr Leben einem latenten Schwellentanz zwischen Schönheit und Schuld. Nie würde er in ihrer Sprache sprechen. Rosa hatte zwar nicht geplant, mit zwei Männern gleichzeitig – aber sie mochte sich auch keine Gedanken darüber machen. Einige leben, andere bleiben konsequent. Tanzen!

Sie hatte also beschlossen, nicht nach New York zu fliegen. Dass sie mit dieser Entscheidung die Zündschnur einer selbstzerstörenden Bombe entfachte, wusste sie ganz genau. Schließlich war sie sich als Simultandolmetscherin einer steten Kalkulation der Gesamtlage gewohnt. Während den nächsten zehn Stunden würde sie im luftleeren Raum ihres freien Willens schwelgen. Noch sollte der Vorhang nicht fallen. Denn oberflächlich glaubten Igor und Roger die Dramaturgen Rosas Rolle zu sein. So sollten sie bis zum bitteren Showdown in der vordersten Reihe sitzen und den Zerfall ihres kleinen Puppentheaters verfolgen („You really make me want to kick you in the balls, but then I remember my father told me to never hit a girl.“). Rosa biss sich auf die Unterlippe – eine eindringliche Spannung flackerte bei dieser Vorstellung in ihrem Körper.

Wie Rosa den menschenleeren Korridor zur Aussichtsterrasse entlang schritt, hallten ihre Schritte im Rhythmus eines Uhrwerkes. Und bei jedem Schlag malte sie sich eine Episode des fulminanten Showdowns aus. Als sie bei der Aussichtsterrasse ankam, schrie Roger, er wolle die Scheidung (endlich!) – soviel war gewiss. Die dumpfen Schläge der Schritte kitzelten in ihrem Schoss.

[...]

Der Toilettendeckel war etwas kühl, weshalb sie den Rock nur soweit hochzog, wie es nötig war, um sich ungehindert anzufassen. Mit dem linken Bein stütze sie sich auf dem Rollköfferchen ab, wobei sie das Rechte eng angewinkelt an ihren Oberkörper presste. Erst da bemerkte Rosa, wie lange sie keine Entscheidung mehr getroffen hatte, zu viele Automatismen beherrschten ihren Alltag. Sowieso schien ihr das Spiel der Liebe grundsätzlich ganz ähnlich, wie die Kunst des Übersetzens. Schließlich gilt es, zwei Sprachen so ineinander zu verflechten, bis dass ein Höhepunkt des gemeinsamen Konsens erreicht wird, wobei jede Sprache durch eine egoistische Komponente der Erfüllung behaftet ist. Rosa war sich bewusst, dass es keine Rolle spielt, welche Sprachen nun verflechtet werden, lediglich der Reiz des Übersetzens sollte dabei eine Rolle spielen, denn zum endgültigen Verständnis würde es sowieso nie kommen- dazu waren die Sprachen zu komplex. Igor wusste das genauso, und Roger verschloss die Augen davor. So hatte sie einen Mann, den sie liebte, und einen Mann, der sie auf Händen trug.

 

Sie tat es langsam, behutsam und ohne jegliche Form von Gier. In einem Moment saß ihr Igor gegenüber und beobachtete gebannt das Geschehen. Die unweigerliche

Machtposition, die sie in dieser Vorstellung einnahm war besonders erregend, so dass ihr der Atem stockte und ihr elektrisierter Körper sich in wohlen Zuckungen entlud.

(„It’s all good, until you realize you just fucked yourself.“)

Ode an die Zeit

Die Zeit, die mich gefangen hält, in Räumen mit gebleichten Wänden.

Ich schreie und schlage, gegen meinen Halt.

Ich frage die Zeit,

Wie nur? Wie soll ich meiner Liebe Form geben?

Die Zeit antwortet nicht.

Doch am nächsten Tage dann, in der Frühe

Ein Paket mit einem Zettel dran.

Gib deiner Liebe Form und Leben.

Drinnen ein Kanister Petroleum, mit Feuerzeug und einem Stift.

 

Ich überlege Tag und Nacht, bis die Wände mir grau erscheinen.

Dann gehe ich in mich hinein und frage,

Wie kann meiner Liebe Form geben? Wie kann ich es tun,

dass die ganze Welt meine Liebe sieht und spürt?

 

Dann übergiesse ich mich mit dem Petroleum,

streiche das Holz und zünde mich an.

So dass die ganze Welt es sieht,

dass ich auch ohne Form und Liebe brennen kann.

Sonntagmorgen, mit Kaffee

Eine Szene, wie im Film. Einsam sitze ich in der Wohnung. Wachgeworden, da der Luftmatratze die Luft ausgegangen war und unfähig wieder einzunicken, da der Boden einfach zu hart ist. Dazu fröstle ich immer noch ein wenig, weil ich die Nacht ohne Decke verbracht hatte. Notdürftig deckte ich mich mit meiner zu dünnen Jacke zu, aber morgens um halb vier schlafe ich auch, wenn es eiskalt ist.

Nun pfeifen draussen bereits die Vögel, eröffnen den Tag mit einer Fröhlichkeit, die meinen Kater sogar etwas zu lindern vermag. Langsam versinke ich im schwarzen Ledersessel und schaue mich in der Wohnung um. Sie ist ziemlich geräumig, bietet für eine Person genügend Platz. Zu meinen Füssen breitet sich eine leise schnarchende Gestalt aus, eingehüllt in schmuddelige Decken. Auf der gegenüberliegenden Seite steht ein Sofa an der Wand. Ein Büschel langer, schwarzer Haare entwächst dem Durcheinander aus Kissen und Tüchern.
Der kleine Glastisch davor ist übersät mit Koffein und Alkohol. Oder er war es zumindest einmal, vor ein paar Stunden, doch nun ist das Meiste bereits ausgetrunken. Ein voller Aschenbecher rundet das Bild der vergangenen Nacht ab. Ich fühle mich in diesem Moment so verdammt schal wie der Rest einer halbleeren Bierflasche. Der Versuch, aus dem Sessel zu kommen, scheitert kläglich.
Zu meiner Linken baut sich ein hohes Regal auf. Es ist vollgestopft mit CDs, Büchern, Magazinen und anderem Krempel, den man in Regalen eben findet. Wie die Limited Edition von „Legend of the Lost“. Zuoberst thronen sogar ein paar ausgestopfte Vögel. Alles ein wenig angestaubt. Man sieht, dass hier ein Mann haust, würde wohl eine Frau meinen und ich muss bei dem Gedanken leicht grinsen.

Der Glatzkopf vor mir auf dem Boden ist der Drummer. Der Bass schläft auf dem Sofa. Das Stoffbündel mit den Haaren bewegt sich kaum merklich auf und ab und ich gehe davon aus, dass er unter all dem Stoff noch nicht erstickt ist. In den Nebenzimmern schlafen zwei weitere Personen: Zum einen ein Gitarrist, zum anderen mein Kumpel, der das Konzert gestern organisiert hatte.
Der Abend war ziemlich aufregend, aber nach drei verschiedenen Bands war ich einfach nur geschafft. Musste halt warten, bis alles aufgeräumt war. Als Veranstalter konnte mein Kumpel natürlich nicht einfach abhauen. Wenigstens liessen sie mich in den Backstage und konnte mich an den Gratisgetränken bedienen. Einer der vielen Vorteile, wenn man die richtigen Leute kennt. Ansonsten bestehen Backstage-Bereich vor allem aus Legenden und Langeweile. Kombiniert mit schlechtem Essen, ist das eine echt enttäuschende Mischung.

Der Sänger und ein weiterer Gitarrist wurden am anderen Ende der Stadt untergebracht. Die pennen auch noch, wahrscheinlich. Ich unternehme einen weiteren Versuch, aufzustehen. Erfolgreich. Mit übertriebenem Stolz über meine morgendlichen Anstrengungen schlurfe ich in die Küche und setze Wasser auf. Mein Kumpel hat einer dieser praktischen Wasserkocher, die man bloss einstecken braucht und nach wenigen Minuten kocht das Wasser. Auf der Ablage erspähe ich eine Dose mit billigem Kaffeepulver. Besser als nichts. Ich kippe ein paar Löffel in die dampfende Tasse und rührte gedankenverloren ein paarmal um. Ordentlich Zucker rein, das gibt Energie. Zudem kann man die Brühe sonst nicht mal ansatzweise geniessen.
Mit verklebten Augen und schwerem Schädel torkle ich schlaftrunken Richtung Balkon. Gegen das Geländer lehnend, schlürfe ich das Gebräu. Viel zu wässrig. Ich klaube eine Lucky Strike aus der Hosentasche und zünde sie an. Der blaue Dunst tanzt durch die kühle Morgenluft. Fast werde ich melancholisch, wie ich den warmen Rauch einsauge und schlechten Kaffee schlürfe. Der Bassist schleicht – ähnlich zerrüttet wie ich – in meine Richtung. Keine Worte, nur ein kurzes Nicken. Ich halte ihm die Tasse hin, worauf er sich schnell ein, zwei Schlücke die Kehle runterstürzt. Auch er zündet sich eine Zigarette an. Live fast, die young. Schweigend stehen wir da, lauschen der erwachenden Welt und versuchen angestrengt, an nichts zu denken.

Was für ein Moment. Ich bin der John Wayne der Stadt,  Ein Sonntagmorgen mit Kaffee und Nikotin, die Sonne über den alten Industriekomplexen. Wie im Film.

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