Der Gipfel und der Zug

Und der Zug brauste durch die Landschaft, ratterte über die Geleise, beinahe im Rhythmus der Musik und gleichzeitig im Rhythmus meiner Worte. Er bahnte sich einen engen Pfad, umschlang Hügel, umarmte die Berge, erschuf Wolken und stach gottgleich durch Dunstwände, die zwischen Jenseits und Diesseits Botschaften schicken und als undurchdringbar gelten, für jene, deren Zeit noch nicht gekommen ist.
Und irgendwann erreichte der Zug das Ziel seiner Träume, den Gipfel, den Gipfel, der sich majestätisch aus der Nichtigkeit des Rests erhob und schneebedeckt, unschuldig die Menschheit überwachte.
Und so war er also angekommen am Ort, wo die Welt gemacht wurde, wo Träume entstehen, wo das erste Wort gesprochen wurde.
Dann stand der Gipfel vor seinem eigenen Schöpfer, dem, der ihn erschaffen hatte und ihn gleichzeitig erklimmen will, um zu verstehen, was es heisst, zu sein. Und der Zug fragte den Gipfel, und der Gipfel antwortete.
Die Worte des Zugs erreichten den Gipfel nie, sie stoben auseinander, in Russpartikel, und stiegen hoch in die Stratosphäre, und warfen kleine Schatten zurück auf einen Planeten namens Terra.
Obgleich die Worte den Gipfel nie erreichten, wusste er, dass zu ihm gesprochen worden war. Immer wieder störten sie ihn und so entschied er, dem Zerreissen der Stille ein endgültiges Ende zu setzten und für seinen ewigen Frieden zu sorgen. Es begann zu poltern, zu rumoren, wie ein Gewitter im Sommer, das heftig über Feldern zusammenbricht und sich in Weinkrämpfen über den Menschen ergiesst, sobald das Donnern vorbei ist. Und so donnerte der Gipfel mit aller Kraf und Unterstützung des Windes, seinen Geschwistern, dem Gestein. Der Zug war zutiefst erschüttert und sah mit eigenen Augen die Geleise und Brücken zusammenschrumpfen, so winzig klein, dass er sie irgendwann nicht einmal mehr sehen konnte. Er war gefangen worden, von seinem eigenen Erbauer.
Der Zug bewegte sich nicht vor, nicht zurück, und blieb beharrlich stehen, erduldete das endlose Gedonner und Gerumpel, jahrelang, so schien es ihm.
Und irgendwann, als die Sonne wieder aus ihrem Winterschlaf erwachte und die ersten Strahlen Richtung Gipfel sandte, und mit ihnen den Frühling, so taute der Schnee. Die ersten Pflanzen, das Leben, das Leben begann auf dem Gipfel zu spriessen und der Gipfel tobte.
Erst als die letzten Reste des Schnees geschmolzen waren, atmete der Gipfel tief ein und aus.
Er hatte seine Unschuld verloren und hörte gegen seinen eigenen Willen auf zu poltern. Er sank in die Knie und Bäche des Tauwassers wurden zu seinen Tränen, die den schwach gewordenen Zug zurück ins Tal brachten.

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