Der Junge

Der Junge stürzte. Und stürzte.

Der Junge schlug auf. Und blieb liegen.

Der Junge schlief lange, lange Zeit. Und irgendwann bewegten sich seine Glieder und er wagte es, aus dem dämmrigen Zustand des Todes, sich zu erheben.

Seine Hände waren rot von Blut, die Haut abgeschürft, doch es schmerzte nicht. Seine Knie waren wund, so wie es ihm oft passierte, wenn er draussen mit den anderen Kindern spielte.

Und seine Augenhöhlen waren leer und er war blind. Seine Sicht war vernebelt und dunkel, nicht einmal die Konturen des einzigen Berges konnte er wahrnehmen. Und so stand er lange, lange da, hilflos, und Tränen wuschen seine Wangen rein von Blut. Irgendwann waren so viele Tränen zu Boden gefallen, dass sich ein See bildete, ein See, der zu einem gewaltigen Ozean anschwoll. Und die Winde, die über die weiten Ebenen fegten, erschufen Wirbel und diese Wirbel erschufen Wellen, wie sie der Junge niemals gesehen hatte, als er noch seine irdischen Augen besass.

Und je länger er besinnungslos im salzigen Ozean schwamm und umhertrieb, desto grauer wurde die Dunkelheit, bis er das Gefühl hatte, eine neue Welt zu erkunden. Und so sah er in seinen leeren Augenhöhlen fantastische, gewundene Gebirgsketten und seltsame Gestirne, die einen dunklen Himmel erleuchteten. Das warme Nass des Ozeans verschwamm in seinen Sinnen und er wähnte sich plötzlich auf einer Wiese, über die eine leise Brise wehte und die Gräser bewegte, und da konnte er erstmals das Flüstern der Pflanzen hören, die ihm erzählten. Und sie erzählten ihm lange und der Junge sass still auf dem nach Erde riechenden Boden und hörte zu.

Sie erzählten und erzählten, bis der Junge irgendwann genug gehört hatte und sich erhob. Er fasste mit einem Finger zu seinen Augen, um zu erkennen, dass er wieder sehen konnte. Und dennoch war die Welt um ihn herum grau. Nur das grüne Gras leuchtete und erhellte ihn mit Ehrfurcht.

Der Junge wanderte Stunden, Tage, Wochen, Monate über die weiten Ebenen, die kaum ein Auf und Ab kannten und versuchten, ihn von seinem geraden Weg abzubringen. Er ass nicht, trank nicht, war unablässig. Er hatte vergessen, wie Erdbeeren schmecken, wie es ist, müde zu sein und selbst das Geräusch seines eigenen Ozeans klang ihm nicht mehr in den Ohren.

Seine Haut war trocken und hatte die Farbe von Asche. Seine Lippen waren spröde und waren nach einigen Tagen im stilen Wind blutig.

Doch es kümmerte den Jungen nicht. Seine Bestimmung lag vor ihm, dort, auf dem Hügel. Dem einzigen Hügel, der weit und breit zu sehen war. Am Himmel zogen dunkle Wolken auf und warfen geisterhafte Schatten auf das Gras, und es wurde ebenfalls grau.

Langsam begann der Junge den Hügel zu erklimmen. Es begann zu schneien und der Wind wurde stärker. Der Schnee stand dem Jungen bis zum Hals, doch er grub sich durch die Last des gefrorenen Wassers bis er irgendwann die Baumgrenze erreichte, die auch gleichzeitig die Grenze für den Schnee bedeutete. Er wanderte weiter, tagelang, bis er an den Gipfel gelang, wo ein einziger Baum stand, an dem Oliven wuchsen.

Unter dem Olivenbaum war ein Loch in der Erde. Es schien ihm warm und gemütlich. Und da kamen ihm das erste Mal wieder die Erdbeeren in den Sinn, der Geschmack von Oliven, der Klang von Wasser und eine Müdigkeit überfiel ihn, wie er es lange nicht mehr gefühlt hatte. Der Junge lächelte mit seinen spröden Lippen und blickte zum Himmel, der nun wolkenlos war.

Und dann legte er sich in sein Grab und fand endlich seinen Frieden.

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