Der Seemann

Die Motoren begannen zu schnurren, dann heulten sie beinahe auf. Das Schiff verliess den Hafen und entfernte sich vom Ufer. Drehte Richtung Horizont – nach Westen – der untergehenden Sonne entgegen. Was für ein verdammter Kitsch! Da sass er am Pier. Zerschlissene Hose, zerschlissenes Unterhemd und alte Schuhe. Und Bier. Bier aus der Dose. Billiges Dosenbier vom Discounter um die Ecke. Als Seemann konnte er sich kein besseres leisten. Das Sixpack wurde schnell zum Fivepack. Er liess die Füsse baumeln. Manchmal spritzte das salzige Wasser bis zu ihm hoch, wenn die Wellen sich am grauen Beton brachen. Der Wind blies ihm durchs schütter werdende Haar. Der Tanker, der eben losgefahren war, verschmolz in der gleissenden Abendsonne. Er setzte sich die Sonnenbrille auf. Eine billige Sonnenbrille vom Discounter um die Ecke. Ein Seemann geht nicht bei Gucci oder so einkaufen. Der Blick streifte die rostigen Fischerboote im Hafen. Bald würde auch er wieder an Bord einer dieser ramponierten, verbeulten Nussschalen stehen und am nächsten Morgen nach Fisch stinkend Fisch nach Hause bringen.
Das Bier machte ihn schläfrig, war wohl keine gute Idee, aber noch ein oder zwei mehr und er würde schon wieder lebenslustig werden und in der Kabine Sprüche klopfen können. Das ging schon Jahre so und wird auch noch so weitergehen. Mühsam rappelte er sich vom Rand des Piers auf und schlurfte zu den Fischerbooten hin. Mit Billigbier und der Plastiktüte vom Discounter um die Ecke. Ein letzter Schluck und dann landete die Dose zerknüllt bei den Fischen oder zumindest im ölverseuchten Hafenbecken. Was machte eine Dose mehr oder weniger schon aus? Verdammter Umweltschutz. Wer kümmerte es in der grossen Welt schon, wenn die Fischer nicht mehr Fisch nach Hause bringen dürfen? Verdammte Politik, dachte sich der alte Seemann und ging weiter auf die Fischerboote zu. Er erreichte die heruntergekommenen Kutter und die Nacht brach über ihn herein. Nur noch vier Bier in der Tasche. Mit Bier und Tasche betrat er das rote Boot. Jenes zwischen dem Blauen und dem Grünen. In jenem roten Schiff verschwand der Mann mit Billigbier.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: