Sie ist weg

Sie ist weg.
Nicht einmal mehr trinken mag ich. Ich werfe ein paar Münzen auf den Tresen neben das schale, halbe Bier das noch dort steht und murmle ein „Tschüss“… Würde es einen nicht selbst betreffen, wäre es ja tatsächlich komisch wie Beziehungen zu Ende gehen. Man weiss es. Man wehrt sich. Man sieht es kommen. Und wenn es dann so weit ist, ist man schockiert. Jedem Freund der einmal in einer vergleichbaren Lage steckte, konnte man in drei Sätzen erklären, was falsch lief und was zu tun war. Geht es um einem selbst, reichen ganze Bücher nicht aus. Ich ziehe Schal und Handschuhe an – die schwarzen, fingerlosen. Noch ein letztes Mal drehe ich mich um und sehe in die schummrige Bar. Doch der wahre Nebel ist im Kopf. Diese emotionale Lethargie in den Tagen nach dem Ende. Denken ohne zu Überlegen. Laufen ohne erst zu gehen. Empfinden ohne zu Fühlen. Dazu das bittersüsse Gefühl des Genusses dieses Zustandes. Nur weil man weiss, dass der Schmerz kommen wird. Das die Hirn-Marterei einsetzen wird. In 3, 2, 1. Ich nehme die Jacke vom Hacken bei der Eingangstür. Es war nicht die erste Beziehung, die in die Brüche ging. Ich bin auch nicht zum ersten mal wirklich verletzt. Und dennoch ist es erstaunlich, wie stark das Gefühl „Herzschmerz“ immer wieder sein kann. Der Blick zurück fällt immer durch einen emotionalen Weichzeichner und man vergisst wohl nur zu gerne. Ich stehe auf der Strasse. Schlage die Kapuze hoch. Und beginne einmal mehr weiter zu gehen. Erste Bilder stiegen in mir auf. Zusammen mit dem Wissen, dass sie von nun an Erinnerungen sein werden, ohne Wiederholung. Ein flüchtiges Lachen beim Baden an der Reuss. Das Verschütten eines Carachios in der Pascha-Bar. Der gebrochene Arm in Laax und die Woche danach zu Hause. Das eine Bier zu viel im Piwi. Sex am Limmatspitz. Die Karte Ihrer Freundin am Kühlschrank. Die ewig offene Zahnpasta-Tube. Immer mehr Bilder prasselten auf mich ein und mit ihnen – Worte. „Kraftlos“. „Genug“. „Wunden“. „Neustart“. „Besser“. Alles Ballast. Alles nicht mehr von Gewicht. Denn es ändert nichts. Jeden Vorwurf den ich in mir trage, ist höchstens noch gegen ihr Abbild, ganz sicher aber gegen mich selbst gerichtet. Und nicht genug der Selbstzerstörung. Wie vielen Freunden bin ich mit Hohn und Spott begegnet, wenn sie für mich da sein wollten und mir zuhören wollten? All diese Überheblichkeit, nur, weil ich wieder zu viel gesoffen hatte. Aber ich kenne mich langsam. Es scheint nicht zu gehen ohne diese dramatische Komponente des „zu viel Trinken und sich selbst zu Grunde richten“. Und das geht immer etwas länger, als der eigentliche Schmerz wirklich anhält. Nun. Heute habe ich es eingesehen. Sie ist weg. Ich bin still in diesen Tagen. Auch wenn es in mir schreit. Der Bahnhof liegt vor mir in der Dunkelheit. Im kalten Licht der Scheinwerfer leuchten die Regenfäden auf, wie die ersten weissen Haare in meinem schwarzen Schopf. Wie oft hat sie mich wegen ihnen geneckt?… Alles Erinnerungen. Ohne Chance auf ein Wieder-Erleben. Wie ein Buch bei dem die letzten Seiten fehlen. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Das Buch schon. Es ist schon erstaunlich wie lange man an diesem Schmerz nagen kann. Es macht einen nicht satt und dennoch kann man über Wochen, Monate – ja versteckt in den tiefsten Winkeln der Seele – wohl Jahre nicht davon ablassen. Dem gegenüber das Verlieben: In Sekunden. Ich gehe auf Gleis 3. Steige ein. Fahre ein letztes Mal an ihrem Haus vorbei. Bevor ich mein neues Leben in einem anderen Land beginne. Ein bisschen gehen wir wohl alle. Immer. Nur Sie – Sie ist ganz weg.

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