Das Leben oder Tanz (Teil 1)

„Ich brauche keine Tanzschuhe!“, keifte er, als wollte er sich gegen zürnende Götter auflehnen.

Schon viel wurde ihm über das Tanzen erzählt. Schon viel hatte er gelesen, in dicken Folianten, in dünnen A5-Broschüren, auf Flugblättern. Schon eine grosse Zahl von Tanzpoeten hatte über das sinnliche Hin und Her fabuliert. Über die Erregung beim Fühlen von Haut und Haut, über das Wahrnehmen der Einigkeit mit sich selbst, über die paradoxe Schrankenlosigkeit des Geführtwerdens und die unbändige Vogelfreiheit, die sich im Bauch und Herzen ausbreitete, wie warmer Tee, wenn man sich der Fliehkraft hingab und durch die Tanzhalle schwebte oder fegte oder stiftgleich mit den Zehen unsichtbare Figuren auf den Boden zeichnete.

Selbst erlebt hatte er es nie. Ausgerechnet er kannte es nicht, er, dessen brennende, glühende Lebensfreude ihm verbat, nicht Spass zu haben, nicht die Grenzen auszuloten bis zum Äussersten und durch Feuer und Wolken zu schreiten, nicht einfach nur vor sich hinzudämmern, bis der Sichtkreis und Horizont sich von einem grossen Rund zu einem kleinen Punkt gewandelt hatten. Seine Beine sahen zwar normal aus, aber menschliche Fähigkeiten schienen sie nicht zu besitzen. Nur wenn es gut ging und draussen die Sonne schien und sein Gemüt mit seinem Körper synchronisierte, schaffte er es gerade noch so, nicht krumm zu gehen und sich nicht in Träumerein zu verfangen, die in einem Strassengraben endeten.

„Ich brauche keine Tanzschuhe!“, brummte er abermals, nun mehr zu sich selbst als zu irgendwelchen Göttern, und er spürte, wie der Bass in seinem Körper vibrierte und ihn zum beben brachte. Ihm wurde bewusst, dass man zwar lesen konnte, aber die Buchstaben, egal wie verschnörkelt oder schwungvoll sie auf das Blatt gespielt worden waren, reichten nicht aus. Er wusste, dass er eigentlich wissen müsste – und doch wusste er gleichzeitig, dass er nicht wissen konnte, obwohl er wusste, oder zumindest glaubte zu wissen.

Und als er sich mit Füssen, Händen und Kopf in diesem Gedankengang verheddert hatte und sich die Worte in seinem Kopf verflüssigten und ihn wie Pflanzenschlingen wieder in die Behäbgikeit ziehen wollten, realisierte er seine missliche Lage. Er hob einen Zeigefinger hoch in die Luft, höher und höher, sodass er auf seinen Zehenspitzen stand und sich fühlte, als hätte er das Blau des Himmels berühren und die Farbe mit den Wolken vermischen können.

Da entschloss sich sein Geist zu tanzen. Die Füsse, die Beine würden kein Hindernis sein, denn es gab noch mehr als Salsa, mehr als Walzer. Da war  er sich sicher und er würde danach suchen. Bis zum Ende.

Die Stimmen seiner Freunde, die ihm abrieten von seiner gefährlichen Reise, hörte er nicht, wollte er nicht hören. Stattdessen gab es für ihn in diesem Moment nur noch die Bienen, die um ihn herumsummten.

Er machte sich also auf den Weg, spazierte über den Kiesweg vor seinem Haus, der so lange war, dass er nicht sehen konnte, wo genau er aufhörte. Noch vor dem Horizont verschwammen die Weglinien, stürzten ineinander und er musste sich auf das bisschen Pfad verlassen, das er sehen und dem er vertrauen konnte. Und wie er da so wanderte und sich von seiner Umgebung verschluckt fühlte, so kam es ihm vor, als würde die Welt zu seinem Mutterleib werden. Viele Sinneseindrücke ertränkten ihn und trotz des geraden Weges verlor er sich. Nur Minuten später stach sein Kopf durch die Wolkendecke. Seine Hände griffen zu einer Nebelschwade und hoben ihn an einen Ort, den er so noch nie gesehen hatte. Es sah da so aus, als würde er auf dem Rücken im Fell eines jungen Lamms stehen, so flauschig und weich sah der Wolkenboden aus. Die Last seines Körpers fiel von seinen Füssen ab und zum ersten Mal schwebte er. Die Luft schmiegte sich an ihn und die Brisen, die seinen Körper umschmeichelten, flüsterten ihm zu, er sei auf dem richtigen Weg. Und er verstand, wo er suchen musste.

 

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