Nach dem Moment

Lisa sass neben mir auf dem Erdboden, einige abgekühlte Kohlestückchen neben ihr und glühende Asche in der Luft. Sie umklammerte ihre Knie, als wäre ihr kalt. In der Nähe hörte man das sanfte Wellenschlagen der Limmat. Niemand konnte Lisa sehen. Nur ich. Um mich herum sassen meine Freunde. Eine hatte leichtes Übergewicht, das sich trotz ihrer wallenden Bluse bemerkbar machte. Die drei Übrigen hatte ich seit einem, vielleicht zwei Jahren nicht gesehen, und wir fragten uns hin und wieder , warum wir uns aus den Augen verloren hatten. Jedoch fragte sich das jeder nur selbst, denn über solche Dinge spricht man nicht; über Vergangenes spricht man nicht.

Und ich fragte hin und wieder Lisa. Sie war eine Antwort auf alles – oder sie hatte zumindest eine Antwort auf alles. Nur sich selber, eine meiner grössten Fragen, konnte sie nicht beantworten. Und manchmal fragte ich mich auch, ob sie wirklich so real war, wie sie mir immer erschien. Was einen Menschen greifbar und real mache, hatte ich sie einst gefragt. Sie fand diese Frage unsinnig. Man war so real wie der Moment. Was danach war, spielte für den währenden Moment eigentlich keine Rolle, meinte sie. Und damit behielt sie recht. Aber trotzdem – es war doch mehr als das. Was, wenn auf einen Moment noch ein Moment folgt? Und noch einer? Und noch einer? Bis alle Momente – auch wenn es kitschig klingt – aufgebraucht sind? Zählt das dann noch? Wann –  ist es wirklich echt? Doch solche Fragen teilte ich mit niemandem, nicht mal mit Lisa. Ich war mir selber schon paranoid genug, wenn es um die Zeit ging.

Am Himmel zogen langsam dunkle Wolken auf, die Nacht war aber immer noch drückend warm und feucht. Nieselregen setzte ein und wir sassen trotzdem noch auf der Erde, die Eine mit der wallenden Bluse im Schlamm. Sie sass da, ebenfalls in Gedanken versunken und betrachtete auf ihrem Handy ein Foto ihres Freundes, mit dem sie seit kurzem zusammen war. Fragezeichen. Lisa blickte zu ihr, lächelte ihr zu und begann mit einem halbverbrannten Ast, Dinge auf den Boden zu zeichnen. Es waren verspielte Figuren und Formen, ungenaue Linien, Kreise, Dreiecke, Kringel. Ich versuchte darin ein Muster zu erkennen, aber ehe ich es ausmachen konnte, verwischte Lisa ihr Werk, und begann von Neuem. Ich konnte trotz ihrer Unbeschwertheit ihre Furcht erkennen. In solchen Momenten dachte ich immer, sie denke auch über den Gang der Zeit nach, vielleicht einfach anders als ich. Die Regentropfen hatten die trockenen Stellen der Erde mittlerweile aufgeweicht und sie hörte auf zu zeichnen. Ich war in Gedanken an Lisa versunken und vergass meine Freunde um mich. Das Feuer brannte nur noch schwach. Der Rauch wurde seit dem Regen dichter und roch faulig und nach trübem Flusswasser.

Einer meiner Freunde brach durch das Geäst und Dickicht hinter uns und blickte einige Meter weit weg zu den anderen Grüppchen, die diesen Abend am Fluss verbrachten. Die meisten von ihnen waren mittlerweile betrunken. Man musste aufpassen, zwischen Laub und Erde nicht auf Scherben zu treten. Aus mehreren Richtungen des Gestrüpps hörte man Johlen und Gröhlen. Aus einem Busch in der Nähe drangen Klatschgeräusche. Mühsames, gepresstes Stöhnen. Mein Freund warf einen Blick zum Busch zurück und brach dann ganz zu uns durch. Wir sollten langsam verschwinden, sagte er und die anderen stimmten ihm zu. Ich sagte nichts und als ich Lisas Blick suchte, fand ich ihn nicht.

Vor uns im Dreck lag ein altes Schlauchbot, das meine drei alten Freunde mitgebracht hatten. Innert Minuten war es aufgepumt und sie begannen ihre Rucksäcke einzuladen. Sie hatten vor, die wenigen Kilometer nachhause stromabwärts zu fahren. Es erinnerte mich an all diese Träume, die man als Kind hatte. An die Träume aus den Abenteuerromanen für Kinder, wo man sich stets vorgestellt hatte durch die Welt zu ziehen mit nichts als einem Bündel an einem Stock. Ich musste beinahe lächeln, als ich genau diese Gedanken bei meinen Freunden wiedererkannte – oder zumindest glaubte, eine Ahnung davon in ihren Augen zu erspähen.
Das Schlauchboot hatte ein Leck, aber selbst das brachte die Drei nicht zum Abbrechen. Einer müsse halt während der Fahrt konstant pumpen, einigten sie sich. Ohne grosse Umschweife warfen sie das gebeutelte Boot durch einen Dunst aus Stechmücken auf ein ruhiges Flussstück, wo es sich sofort mit Wasser füllte. Die Drei sprangen hinterher und verschwanden schnell mit Lachen und Schwatzen in der Dunkelheit.

Ich stand auf einem Betonstück, das aus dem Boden ragte. Noch eine ganze Weile blickte ich den Beiden schweigend nach, bis mich jemand an der Schulter griff und mich wegzog. Wir kämpften uns durch das Gestrüpp und waren bald auf einem Fussweg, der stadteinwärts führte. Die Verbliebenen schnatterten und tranken abgestandenes Bier, während ich alleine für mich ging. Mit Lisa an der Hand. Ich glaube immer noch, sie konnte meine Zweifel fühlen, ja sie vielleicht sogar verstehen. In diesem Moment musste sie hier sein. Ich versuchte meine Gedanken zu ordnen, oder vielleicht eher überhaupt konkrete Gedanken zu haben. Hin und wieder wusste ich nicht wohin mit all den Satzfragmenten, Worten und Gefühlsfetzen, die in meinem Kopf herumschwirrten. Lisa wäre hier, mir beim Verstehen zu helfen, sie für mich zu verstehen. Ich ging Minuten lang neben mir selbst her, in mich selber versunken, immer noch von den Fragen malträtiert, die mich an diesem Abend schon die ganze Zeit aus dem Beisammensein rissen.

 

Dann war Lisa weg, ich wusste nicht wohin. Sie entschlüpfte meiner Hand und verschwand. Irgendwohin. Nirgendwohin. Ob ich sie wiedersehen würde?
Schliesslich sassen wir nur noch zu zweit mitten in der Stadt auf grossen Betonbänken, so wie sie oft an städtischen Flüssen zu finden sind. Wir – die Freundin mit der wallenden Bluse und ich.
Wir warfen Bierdosen in den ohnehin schon dreckigen, öligen Fluss und starrten ins Leere. Wir hatten beide viel zu verlieren, doch sie wusste mehr als ich und mir war klar, dass sie die Fragen nach den Momenten, nach der Zeit, nach dem Wirklichen für sich beantworten konnte, aber wie schon Lisa, konnte sie mir keine Antwort geben. Vielleicht hätte ich sie einfach fragen sollen.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte sie mich und schloss mich in die Arme.
„Ich weiss es nicht“, sagte ich und erwiderte die Umarmung.

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