Filmriss

Man kann sich das vorstellen, wie eine ausgesprochen schlechte Bildmontage. Ein blaues Leintuch gibt vor, Meer zu sein, ein paar Papphügel bilden den Hintergrund, dazwischen ein bisschen Sand und einige Sonnenschirme. Am Dach des Studios, dem Himmel, wurden einige Wattenwolken angebracht, die im künstlich erzeugten Wind wie nervöse Kinder hin und her hüpften.
„Hannah, so wird das nichts“, beginnt er langsam. Nicht einmal, dass er dabei Lust hätte, ihr in die trunkenen Augen zu blicken. „Also dann brauch ich jetzt meine Schuhe gar nicht erst auszuziehen?“ fragt Hannahs wunder Mund. „Nein, brauchst du nicht. Du bleibst jetzt einfach so im Eingang stehen und heulst. — Ja, so! So ist schön.“ „Du glaubst also nicht an unsere Zukunft, was?“ säuselt Hannahs stumpfe Stimme. Indessen er sich aus Langeweile eine Zigarette ansteckt murmelt er irgendwas. „Kann mal jemand diese verdammte Windmaschine ausmachen- man versteht ja kein Wort!“ Hannah wird langsam ungeduldig. Besser keine Windmaschine.
Jetzt endlich blickt er auf: „Also soll ich jetzt den ganzen Text nochmals sagen, oder wie!?“ Hannah nickt. Sie nickt sanft und hoffnungsvoll, obwohl sie den ganzen Text schon tausendmal gehört hat. Sie kennt ihn auswendig, kennt sein Schriftbild, alle Hebungen und Senkungen, alle Punkte und Kommata- besonders aber die Ausrufezeichen! Manchmal zeichnet sie ganz viele Ausrufezeichen aneinander- sie beginnt dann immer mit den Hälsen und sobald sie an die fünfzig nebeneinander hat, sticht sie so schnell wie möglich auf das Papier ein und verseht jeden Hals mit einem Punkt. Sie stellt sich dabei vor, dass jeder einzelne Punkt ein Schuss aus dem Maschinengewehr ist.
„Hannah, liebes Kind!“ Ein Kameramann ist vom Himmel hinabgeklettert und eilt herbei. „Jetzt hast du den einfach erschossen?! Das steht nirgends so geschrieben, wie erklären wir das nur dem Publikum?“ Hannah, noch immer mit dem Maschinengewehr in Positur, wendet sich dem Kameramann zu: „Sagt denen, all die Texte hier langweilten mich. Ich konnte kein einziges Wort mehr ertragen. Also erschoss ich die Texte, noch bevor sie mich erreichen konnten. Mit der Figur hat das an sich nichts zu tun.“
„Aber Hannah, liebes Kind! Was ist nur in dich gefahren?! So ein ähnlicher Text hat doch schon Frisch. Das wär schrecklich fantasielos- denk an die Zuschauerquote! Denk an die Show! Du musst vor das Gesetz, jawohl, vor das Gesetz!“ Und ohne dass man imstande ist, dem Geschehen zu folgen, wird aus dem Studio ein echter Gerichtssaal. Einzig ein paar Blutspritzer haften vereinzelt am Himmel. Aber diese kann man sich auch als Sterne vorstellen. Man kann sich schließlich vorstellen, wie der Richter Hannah dazu auffordert, den Tatenbestand zu erläutern. Und dann kann man sich vorstellen, wie Hannahs wunder Mund folgende Sätze formt: „Das alles ist ein Regelwerk aus Kulissen und Figuren, das selbst das letzte Korn der Wahrheit wie zwischen zwei Mühlrädern zermalmt. Ich könnte ebenso gut sagen, ich hätte mit einer dieser Wattenwolken eine Butterblume erstickt, oder ich hätte mit einem dieser Sonnenschirme auf eine Porzellanpuppe eingestochen. Das alles spielt keine Rolle, es ist so variabel wie unsere Vorstellungen dessen.“Vereinzelt Gelächter, ansonsten betretenes Schweigen. Jetzt endlich blickt Hannah auf.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: