Badass. (Teil I)

Und da wandte sie sich ihrer Rolle ab. Elegant kehrte Rosa auf dem Absatz, wobei der Griff ihres Rollköfferchens gewissermaßen als tragender Tanzpartner diente („I wear heels, bigger than your dick.“). Tanzen! Wie viel zähflüssige Zeit doch nur in sterilen Konferenzsälen zerflossen ist. Statisch, stockend- simultan. „Ma p’tite Jongleuse“, hatte Igor sie manchmal genannt, wenn sie erschöpft vom Übersetzungskampf in der Hotellobby saßen und nicht so recht wussten, in welcher Sprache ihre Zuneigung nun spricht. In der Regel gingen sie dann gleich aufs Hotelzimmer. Nur einmal, als sie bereit für den Augenblick, wo das Wechselspiel der Sprachen in einer schillernder Einheit verschmelzen würde, nackt vor ihm stand. Damals wollte er tanzen. Ihre Körper bewegten sich synchron in einer konstruierten Verflechtung- ein Spiegelbild scheinbar. An Rogers Seite hingegen glich ihr Leben einem latenten Schwellentanz zwischen Schönheit und Schuld. Nie würde er in ihrer Sprache sprechen. Rosa hatte zwar nicht geplant, mit zwei Männern gleichzeitig – aber sie mochte sich auch keine Gedanken darüber machen. Einige leben, andere bleiben konsequent. Tanzen!

Sie hatte also beschlossen, nicht nach New York zu fliegen. Dass sie mit dieser Entscheidung die Zündschnur einer selbstzerstörenden Bombe entfachte, wusste sie ganz genau. Schließlich war sie sich als Simultandolmetscherin einer steten Kalkulation der Gesamtlage gewohnt. Während den nächsten zehn Stunden würde sie im luftleeren Raum ihres freien Willens schwelgen. Noch sollte der Vorhang nicht fallen. Denn oberflächlich glaubten Igor und Roger die Dramaturgen Rosas Rolle zu sein. So sollten sie bis zum bitteren Showdown in der vordersten Reihe sitzen und den Zerfall ihres kleinen Puppentheaters verfolgen („You really make me want to kick you in the balls, but then I remember my father told me to never hit a girl.“). Rosa biss sich auf die Unterlippe – eine eindringliche Spannung flackerte bei dieser Vorstellung in ihrem Körper.

Wie Rosa den menschenleeren Korridor zur Aussichtsterrasse entlang schritt, hallten ihre Schritte im Rhythmus eines Uhrwerkes. Und bei jedem Schlag malte sie sich eine Episode des fulminanten Showdowns aus. Als sie bei der Aussichtsterrasse ankam, schrie Roger, er wolle die Scheidung (endlich!) – soviel war gewiss. Die dumpfen Schläge der Schritte kitzelten in ihrem Schoss.

[…]

Der Toilettendeckel war etwas kühl, weshalb sie den Rock nur soweit hochzog, wie es nötig war, um sich ungehindert anzufassen. Mit dem linken Bein stütze sie sich auf dem Rollköfferchen ab, wobei sie das Rechte eng angewinkelt an ihren Oberkörper presste. Erst da bemerkte Rosa, wie lange sie keine Entscheidung mehr getroffen hatte, zu viele Automatismen beherrschten ihren Alltag. Sowieso schien ihr das Spiel der Liebe grundsätzlich ganz ähnlich, wie die Kunst des Übersetzens. Schließlich gilt es, zwei Sprachen so ineinander zu verflechten, bis dass ein Höhepunkt des gemeinsamen Konsens erreicht wird, wobei jede Sprache durch eine egoistische Komponente der Erfüllung behaftet ist. Rosa war sich bewusst, dass es keine Rolle spielt, welche Sprachen nun verflechtet werden, lediglich der Reiz des Übersetzens sollte dabei eine Rolle spielen, denn zum endgültigen Verständnis würde es sowieso nie kommen- dazu waren die Sprachen zu komplex. Igor wusste das genauso, und Roger verschloss die Augen davor. So hatte sie einen Mann, den sie liebte, und einen Mann, der sie auf Händen trug.

 

Sie tat es langsam, behutsam und ohne jegliche Form von Gier. In einem Moment saß ihr Igor gegenüber und beobachtete gebannt das Geschehen. Die unweigerliche

Machtposition, die sie in dieser Vorstellung einnahm war besonders erregend, so dass ihr der Atem stockte und ihr elektrisierter Körper sich in wohlen Zuckungen entlud.

(„It’s all good, until you realize you just fucked yourself.“)

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