Wachgelebt

Es konnten keine fünf Minuten vergangen sein, seit Lukas sich ins Bett gelegt hatte. Das Bett, ein improvisiertes Gestell aus Karton, Brettern und einer muffigen Matratze. Wuselnde Insekten flohen noch vor kurzer Zeit vor nackten Füssen, die auf dutzende ohnehin schon zerknüllte, zerschriebene, zerwortete Papierbögen traten. Füsse mit Hornhaut, gelblich und auf dem alten, knarrenden Holzboden hin und wieder mit Abrieb; vermischt mit Staub und Lichtstrahlen oder Schattenfiguren. Im Ecken ein leerer Papierkorb. Daneben noch mehr Papier, aber teureres. Druckerpapier. Keine karierten Blöcke oder derart Armes.

Ein Bein lugte aus der gräulichen Bettdecke hervor und der Schein aus dem Dachfenster traf schicksalsverheissend auf eben diese Stelle und es fehlte nur noch ein Zettelchen am grossen Zeh. Ein vom nikotinhaltigen Rauch gelblich gefärbtes Tischchen neben Fuss und Bett. Zugestellt mit Dosen, schmutzigen Gläsern; Bakterienherden. Lukas lebte schon lange nicht mehr im Hier. Und auch nicht im Jetzt. Aber auch nicht mehr in der Vergangenheit. Das Bild von Virginie war verstaubt und nicht einmal ihre glänzend weissen Zähne waren mehr zu sehen. Virginie war einmal, und so tat es Lukas ihr gleich. Er ist zwar noch, aber eigentlich war er mehr. Lukas träumte. Träumte von einem grossen Vogel, es mochte wohl ein Ara sein, vielleicht auch ein gigantischer Kolibri oder doch nur die Cartoongestalt einer bekannten Kleiderkette. Wer weiss schon. Spielte auch gar keine Rolle. Viel wichtiger war die Kamera, die er in den Klauen und irgendwo zwischen den Federn hielt und die Partygäste fotografierte. Zwei Mädchen, wohl etwa siebzehn Jahre alt verzogen sich küssend ins Bad und schlossen die Tür hinter sich, ein bärtiger Kerl stand am Fenster und rauchte, auf dem Sofa sass Virginie starr, teilnahmslos und im Eck sass Lukas und stand vor sich selbst. Der Vogel schwenkte seine Kamera wie ein Gefäss voller Weihrauch und piepste etwas. Introibo ad altare dei. Er kletterte auf ein Podest und fotografierte die Menge, die in Lukas’ Wohnzimmer versammelt waren. Girlanden und Engelshaar schwebten im Raum und verursachten Schwingungen; einen tiefen Basston. Stille Nacht. Der Vogel stimmte mit einem höheren Ton ein und ein wunderbarer Zweiklang erfüllte den Raum mit Heiligkeit. Jetzt stand Lukas vor dem Vogel und fand überhaupt nichts an dieser Situation komisch. Und genau diese Tatsache rief ihn auf den Plan. Was tat er eigentlich hier, fragte er sich und sein eigenes Gegenüber, das im Eck stand. Wir vergessen Virginie, sagte Lukas im Eck. Und Virginie verblich.

Der Vogel schwenkte noch immer seine Kamera, nun aber fester; und die Blitze wirkten drohend und mit jedem Schwenken klang das Surren, das Zerschneiden der Luft lauter. Lukas besann sich auf seine Klarheit und zählte seine Finger, blickte hin und her so schnell er konnte, doch der Vogel wuchs und aus der Kamera stemmten sich Stacheln heraus und das Blitzlicht blinkte laut. Um den Vogel herum wurde es Dunkel, nur die Konturen hell und es tönte abermals introibo ad altare dei.
Ich bin mir nur selbst Rechenschaft schuldig, sagte Lukas ruhig. Du bist Teil von mir, verschwinde. Lukas Worte klangen dünn und fahrig. Fiebrig zählte Lukas seine Finger, die Bücher an der Wand, die Deckenplatten und versuchte, von den Uhren die Zeit abzulesen und scheiterte. Und gerade dann, als Lukas losliess, die Spannung von ihm abfiel, fiel auch das Wohnzimmer in sich zusammen und baute sich neu auf, wie Legosteine. Es war sein Wohnzimmer. Wie immer. Lukas atmete und öffnete die Augen. Ein muffiges Bett, eine zerschlissene Decke. Dosen, Gläser. Das Foto von Virginie war weg.

Lukas hielt den Atem an und vergass seine Finger zu zählen. Aufstehen, Kaffee. Das erste Mal die Fenster aufmachen, auf den Balkon. Sonnenstrahlen. Tod.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: